Als Präsident von Burkina Faso begann Thomas Sankara einen Idealstaat zu verwirklichen. Seine Ermordung vor 25 Jahren setzte den Utopien ein Ende.

Von Bruno Jaffré

Was wäre, wenn Thomas Sankara überlebt hätte? Wäre Westafrika heute ein Hort des Wohlstands und der Demokratie? Von 1984 bis 87 gelang es dem jungen Präsidenten, eine Vielzahl grundlegender Reformen voranzutreiben. Burkina Faso war auf dem besten Weg, postkoloniale Abhängigkeiten zu überwinden, wirtschaftlich zu gedeihen und seine eigene Identität zu finden – zum Missfallen Frankreichs und einiger Nachbarstaaten. Am 15. Oktober 1987 wurde Sankara in einem Putsch ermordet. Über das kurze Leben eines Visionärs

Wir befinden uns zu Beginn der Achtziger Jahre in der ehemaligen französischen Kolonie Obervolta, dem heutigen Burkina Faso. Das Land durchlebt eine schwere Finanzkrise, die durch eine politische Krise noch verstärkt wird. Seit der Unabhängigkeit haben sich verschiedene Staatsformen abgewechselt, ohne das neokoloniale System je in Frage zu stellen. Während die überwältigende Mehrheit der Menschen in den Städten und auf dem Land in Armut lebt, mobilisieren sich die Angehörigen der städtischen Mittelschicht in Gewerkschaften. Die fortschrittlichsten unter ihnen treten geheimen marxistischen Organisationen bei.

Thomas Sankara ist zu diesem Zeitpunkt Anfang 30 und gerade zum Informationsminister ernannt worden – ein charismatischer Mann mit politischen Visionen. Er gruppiert junge Offiziere um sich, die wie er nach einer radikalen Veränderung streben und Beziehungen zu jungen marxistischen Intellektuellen knüpfen. Gemeinsam organisieren sie die Machtübernahme vom 4. August 1983. Die Armee soll dabei eine zentrale Rolle spielen, während organisierte Zivilisten sich um die politische Ausrichtung kümmern und die Bevölkerung in den neu zu gründenden „Komitees zur Verteidigung der Revolution“ (CDR) flankieren sollen.

Als Thomas Sankara mit nur 33 Jahren zum Präsidenten von Obervolta aufsteigt, erkennt ihn das Volk als unumstrittenen Herrscher an. Er hat sich lange auf seine Machtübernahme vorbereitet und dabei doch niemals sein wichtigstes Ziel aus den Augen verloren, das er in einer Rede vor der UN-Generalversammlung 1984 wie folgt schildert: „Wir lehnen den Zustand des bloßen Überlebens ab; wir wollen den Druck lockern, unsere Dörfer von ihrer mittelalterlichen Starre befreien, unsere Gesellschaft demokratisieren und unsere Geister öffnen, um kollektiv Verantwortung zu übernehmen – ja, um die Erfindung der Zukunft zu wagen. […] Das ist unsere politische Agenda.

Eine immense Aufgabe. Denn Obervolta ist eines der ärmsten Länder der Welt. Sankara sammelt fast 150 MitarbeiterIinnen um sich, die er minutiös auswählt: neben einigen Ideologen entscheidet er sich für die besten und motiviertesten Führungskader des Landes. Unablässig werden neue Projekte entwickelt, während Sankara oft unmögliche Fristen für Machbarkeitsstudien vorschreibt.

Bruch mit der Vergangenheit

Die Revolution erfüllt für Sankara hauptsächlich einen Zweck: die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern. In allen Bereichen strebt er einen Bruch mit der Vergangenheit an: Die Verwaltung soll umstrukturiert und die Reichtümer umverteilt werden; Korruption ist gnadenlos zu bekämpfen; die Frauen sollen durch konkrete und symbolische Aktionen bei ihrer Befreiung unterstützt werden und die Jugend soll mehr Verantwortung erhalten. Außerdem will Sankara das Chefwesen bekämpfen, in dem er den Grund für die Rückständigkeit der Dörfer und ihre Unterstützung der alten Parteien sieht – ein verzweifelter Versuch, die Bauern als aktive Unterstützer der Revolution zu gewinnen. Doch nicht genug: Sankara will die Armee umbauen und sie in den Dienst des Volkes stellen, indem er ihr produktive Aufgaben zuschreibt, denn er fürchtet ihr Gewaltpotenzial: „Ein Soldat ohne politische Bildung ist ein potentieller Verbrecher.“

Schließlich will er das Land dezentralisieren, durch die Revolutionskomitees eine direkte Demokratie einführen und den Haushalt sowie die Minister kontrollieren. Und so weiter und so fort.
In wirtschaftlicher Hinsicht verwaltet sich der Nationale Revolutionsrat (CNR) sich praktisch selbst: Durch unerbittliche Strenge versucht er die mageren Ressourcen vernünftig einzusetzen und die Verwaltungskosten zu verringern – so spart er Geld für Investitionen. In der Hauptstadt Ouagadougou kann auf diese Weise ein brach liegendes Industriegebiet rehabilitiert werden. Doch der Preis dafür ist hoch. Die Investitionsanstrengungen führen dazu, dass die Löhne um fünf bis zwölf Prozent gesenkt werden – eine Maßnahme, die jedoch dadurch abgemildert wird, dass die Mieten für ein Jahr erlassen werden. Sankara wollte eine autarke Entwicklung fördern und das Land von äußerer Hilfe unabhängig machen. Er wusste: „Wer einem zu essen gibt, will einem auch seinen Willen aufzwingen.“

„Menschen von Burkina, lasst uns produzieren und konsumieren!“ Dieser Slogan gibt eine seiner wichtigsten Überzeugungen wieder. Beamte werden angehalten, den Faso Dan Fani zu tragen, die traditionelle Kleidung, in die Baumwollstreifen von Hand eingewebt werden. Diese Kleidervorschrift löst einen Boom aus: Sie lässt die Nachfrage nach Baumwolle steigen, viele Frauen beginnen, zu Hause zu weben und werden zunehmend wirtschaftlich unabhängig. Die Einfuhr von Obst und Gemüse wird verboten; dies zwingt die Händler, in die schwer zugänglichen Dörfer im Südwesten Burkina Fasos zu fahren anstatt die Asphaltstraße nach Côte d’Ivoire zu nehmen. Durch eine landesweite Ladenkette werden Vertriebswege etabliert.

Lokal wirtschaften

Auch beim Thema Umweltschutz ist Sankara ein Vorreiter: Er macht deutlich, dass die Menschen für die Ausdehnung der Wüste in die Sahelzone hinein verantwortlich sind. Der Nationale Revolutionsrat setzt sich gegen übermäßigen Holzschlag ein, wirbt in einer Kampagne dafür, beim Kochen Gas statt Feuerholz zu verwenden und geht gegen Buschfeuer und streunende Tiere vor. Die Revolutionskomitees setzen die Regeln in die Tat um – wenn es sein muss, auch mit Zwang.
Darüber hinaus beginnen Bauern im ganzen Land, Dämme zu graben – oft mit bloßen Händen, während die Regierung Staudammprojekte endlich umsetzt, die lange in den Schubladen schlummerten. Sankara schiebt allen Diplomaten und Staatsmännern unermüdlich seine Vorhaben unter, wobei er sie darauf hinweist, dass die Hilfe aus Frankreich mangelhaft sei und das obwohl französische Unternehmen den meisten Nutzen aus Großprojekten in Obervolta zögen. Wann immer es ein soziales oder politisches Ereignis zu feiern gibt, lässt Sankara Bäume pflanzen.

Die Globalisierung, das internationale Finanzsystem, die Allgegenwart von IWF und Weltbank, die Frage des Schuldenerlasses für Länder der Dritten Welt: lauter Kernthemen unserer Zeit, mit denen Thomas Sankara schon in den Achtziger Jahren visionär umzugehen versteht. In einer Rede vor der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) 1987 bezeichnet er die Verschuldung als Mittel der „geschickt organisierten Rekolonialisierung Afrikas“: „Sie soll dafür sorgen, dass Afrikas Wachstum und seine Entwicklung Phasen und Normen gehorchen, die uns völlig fremd sind.“ Er ruft die Staats- und Regierungschefs der anderen afrikanischen Länder auf, ihre Schulden nicht zurückzuzahlen. Dabei erinnert er an die Blutschuld Frankreichs, das im Zweiten Weltkrieg Zigtausende Afrikaner einsetzte, um die Nazis zu bekämpfen.

Wenn Burkina Faso tatsächlich Gespräche mit dem IWF geführt hat, um neue Finanzmittel zu erhalten, so hat sich das Land einer Vereinbarung verweigert, weil ihm die vom IWF gestellten Bedingungen missfiel. Burkina begibt sich also allein in die „Schlacht um die Eisenbahn“, mit Hilfe Kubas, landeseigenen Finanzmitteln und einer einfachen Idee: Die Bevölkerung wird der Reihe nach aufgefordert, bei der Verlegung der Schienen mit anzufassen.
Als ein Radiojournalist Sankara einmal fragt, was für ihn Demokratie sei, antwortet er: „Die Demokratie ist das Volk mit all seinen Möglichkeiten und seiner Stärke. Der Stimmzettel und der Wahlausschuss alleine bedeuten noch nicht, dass es eine Demokratie gibt. Wer von Zeit zu Zeit Wahlen abhält, sich jedoch nur unmittelbar vor dem Wahlakt um die Menschen kümmert, hat kein demokratisches System. Nur wenn die Leute täglich ihre Meinung sagen können und die Politiker sich tagtäglich ihr Vertrauen verdienen müssen, kann von wahrer Demokratie die Rede sein. Man kann keine Demokratie errichten, ohne die Macht in all ihren Formen – wirtschaftlich, militärisch, politisch, sozial und kulturell – in die Hände des Volkes zu legen.“

Die Revolutionskomitees haben die Aufgabe, die Macht des Volkes auszuüben. Zwar beginnen sie, unrechtmäßig Gelder einzutreiben und dienen als Speerspitze gegen die Gewerkschaften, doch sie nehmen neben der öffentlichen Sicherheit viele Aufgaben wahr: Sie organisieren Programme für politische Bildung, errichten Systeme zur lokalen Abwasserentsorgung, regeln Nachbarschaftsprobleme, fördern die Produktion und den Konsum von lokalen Produkten, kontrollieren die Haushalte in den Ministerien und vieles mehr. Ihre Unzulänglichkeiten, die oft auf Streitereien der verschiedenen Fraktionen beruhten, prangert Sankara oft als erster an.

Ein Dorn im Auge des Westens

Dieser neue Präsidententypus, dessen Patriotismus und Integrität, persönliches Engagement und Selbstlosigkeit heute von allen Seiten gelobt wird, war den westlichen Mächten damals ein Dorn im Auge. Sankaras Ruhm bedrohte die Macht der Präsidenten in der Region und ganz allgemein die französische Präsenz in Afrika.

Der Hinterhalt ist unausweichlich. Die Nummer zwei der Regierung, Blaise Compaoré, heute Präsident von Burkina Faso, organisiert das Komplott mit Unterstützung von Frankreich, Côte d’Ivoire und Libyen. Der Rest ist Geschichte: Wie durch postkoloniale Netzwerke eine Allianz aus Politikern, Militärs und Geschäftsleuten aus Côte d’Ivoire, Frankreich, Libyen und Burkina Faso entsteht. Wie sie Charles Taylor unterstützen, der in Liberia und Sierra Leone schreckliche Bürgerkriege anzettelt. Wie sich Blaise Compaoré am Diamanten- und Waffenhandel beteiligt, um dem Embargo gegen Jonas Savimbis antikoloniale Bewegung UNITA zu entgehen. Nachdem er die Militärs bei der Schaffung der „neuen Kräfte“ gedeckt hat, ist Compaoré heute nach wie vor als Mann des Friedens in der Region präsent, unterstützt von französischen und US-amerikanischen Interessen.

Alles wurde getan, um die Erinnerung an Thomas Sankara in Burkina Faso zu löschen. Doch es hilft nichts. Sankara lebt weiter, in Tonaufzeichnungen, Bildern, Schriften. Das Internet verstärkt dieses Phänomen noch. Umso mehr erscheint er auch den Umweltaktivisten und Antikapitalisten der westlichen Länder heute als Vorreiter – für Fragen des Umweltschutzes ebenso wie für seine Haltung zum internationalen Finanzsystem und zur Schuldenfrage.

Übersetzung aus dem Französischen von Christina Felschen.

Bruno Jaffré hat Thomas Sankaras Biografie geschrieben und setzt sich mit seinem Blog und einer Kampagne dafür ein, dass Sankara nicht vergessen wird. Er begegnete Sankara bei seiner ersten Reise nach Burkina Faso im Jahre 1983. Als Forschungsingenieur gründete Jaffré eine NGO für internationale Solidarität im Bereich der Telekommunikation (CSDPTT).

Source : Südlink N° 161
http://www.inkota.de/material/suedlink-inkota-brief/161-unternehmensverantwortung/#c8293

Ein herzlicher Dank geht an AfricAvenir e.V., die den Kontakt zu Bruno Jaffré hergestellt haben. Anlässlich des 25. Todestages von Thomas Sankara organisiert der afrikanisch-europäische Verein eine bildungspolitische Veranstaltungsreihe, sowie eine öffentlichkeitswirksame Poster-Kampagne (s. Forum S. X).

Am Sonntag, 14.10.2012, um 15.30 Uhr präsentiert AfricAvenir die Deutschlandpremiere des neuen zweiteiligen Dokumentarfilms „Auf den Spuren von Thomas Sankara“ im Hackesche Höfe Kino, in Anwesenheit der Filmemacher/innen von Baraka.

Zum Weiterlesen:

www.thomassankara.net: Von Bruno Jaffré betriebene Website zu Thomas Sankara, die viele der hier zitierten Reden im Original wiedergibt, inklusive deutscher Übersetzungen.

Jaffré, Bruno: Les années Sankara de la révolution à la rectification. L’Harmattan, 1989.

Jaffré, Bruno: Thomas Sankara, la patrie ou la mort. L’Harmattan, 2007.

Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit AfricAvenir: Publikation zum 15.10.2012 (in französischer Sprache, ab 2013 auf Deutsch). Nähere Infos auf www.africavenir.org.

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